In Jean-Baptiste Andreas „Was ich von ihr weiß” (O: Veiller sur elle) sitzen wir mitten in einem Cinemascope-Film, von dem wir uns wünschen, er möge nie aufhören. Doch diesen Gefallen tut uns der Autor nicht, er macht uns ein viel größeres Geschenk: Er erzählt seine Geschichte zu Ende. Ein Ende, an dem schließlich alle Fäden zusammenlaufen, überraschend, erstaunlich und so schlüssig und wunderbar, dass wir laut applaudieren möchten.
Die Geschichte von Mimo und Viola, einem Paar, das in seinem Nicht-der-Norm-Entsprechen zueinander findet. Mimo, der begnadete kleinwüchsige Bildhauer, der nicht umsonst mit vollem Namen Michelangelo heißt. Und Viola, die Tochter aus bestem Haus, die mit ihrem Mut, ihrer Tatkraft und ihrem Intellekt jeden Mann in die Tasche stecken könnte – hätte sie nicht das Pech, als Frau zur falschen Zeit geboren zu sein. Apropos: Gab es jemals eine richtige Zeit für eine Frau?
Viola, die einzige Nutzerin der monumentalen Bibliothek ihres Vaters, die Mimo zum Lesen zwingt und ihn vom Glück der Bildung kosten lässt.
„Ich hatte die Macht der Bibliotheken unterschätzt, die mich immerhin aus dem Dunkel gerissen und mir gar einen Hauch von zartester Schönheit geschenkt hatte. … Fern von Zuhause erteilte mir Viola erneut eine Lektion — das wahre Leben fand in den Büchern statt.“
Italien, 1986. In einem abgelegenen Kloster in Piemont liegt der 82-jährige Bildhauer Michelangelo Vitaliani, genannt Mimo, im Sterben. In den Gewölben unter ihm hütet der Vatikan seine letzte Skulptur – eine rätselhafte Marmor-Pietà, die vor der Öffentlichkeit verborgen werden soll, weil sie seltsame Phänomene in manchen ihrer Betrachter auszulösen vermag. Auf seinem Sterbebett blickt Mimo zurück auf ein Leben zwischen Armut und Ruhm, zwischen Kunst und Krieg, aber vor allem geprägt von der tiefen Freundschaft zu Viola Orsini.
Sie ist die jüngste Tochter jener Adelsfamilie, die die Region beherrscht: hochintelligent, lesehungrig und voller Träume von einem selbstbestimmten Leben. Sie will fliegen – auch im ganz wörtlichen Sinne – und hat klare Vorstellungen von ihrem eigenen Leben. Doch ihre Familie hat andere Pläne.
Viola und Mimo lernen sich kennen, als er 1916 – Sohn italienischer Einwanderer in Frankreich, gerade erst zwölf Jahre alt – nach dem Tod seines Vaters zu seinem Onkel ins Piemont geschickt wird. Der ist ein Taugenichts und Trinker, betreibt aber in Pietra d’Alba eine Steinmetzwerkstatt, in der Mimo ausgebildet werden soll. Zwischen den beiden Außenseitern entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Die innige Verbindung, die sie miteinander schließen, wird beider Leben über Jahrzehnte prägen.
Mimo arbeitet sich trotz immer neuer Rückschläge empor und landet schließlich, mit höchster Anerkennung versehen, als einer der bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit im vatikanischen Rom. Viola kämpft gegen Konventionen und Familie.
Der Erste Weltkrieg, Aufstieg und Fall des Faschismus, die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, die Verstrickungen des Vatikans. Mimo, der als Künstler glaubt, unpolitisch bleiben zu können, wird unter Violas intellektuellem Einfluss und ihren Werten, schließlich doch für einen Wimpernschlag der Zeitgeschichte politisiert und fast wie eine Irvingsche Figur zu einem unfreiwilligen und doch nicht ganz zufälligen Helden.
Jean-Baptiste Andrea verwebt seine Handlung mit fast einem Jahrhundert europäischer Geschichte – von 1916 bis in die 1980er Jahre – einer ungewöhnlichen Freundschaft, die doch untrennbar mit ihrer Zeit verbunden ist. Dabei geht es ihm nicht um vordergründige politische Analyse, sondern um hoch aktuelle Fragen: Kann man als Künstler, als Frau, als Außenseiter in schwierigen Zeiten leben, ohne sich zu verbiegen oder dem System anzubiedern? Welche Verantwortung trägt der vermeintlich unpolitische Künstler in autoritären oder diktatorischen Systemen?
Der Roman, der im französischen Original „Veiller sur elle” heißt – „Über sie wachen, sie beschützen” –, landete am 7. November 2023 einen Außenseitersieg beim renommiertesten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt.
Schon vor dem Goncourt waren von diesem Buch fast 50.000 Exemplare verkauft worden – auch in einem der schönen Literatur so aufgeschlossenen Land wie Frankreich durchaus ungewöhnlich. Nach dem Preis explodierte die Auflage: Ende 2023 waren es bereits über 360.000 Exemplare, bis Juni 2024 dann über 700.000. 2023 war ‘Veiller sur elle’ der meistverkaufte Roman Frankreichs – und überhaupt das zweitmeistverkaufte Buch des Jahres, nur geschlagen vom neuen Asterix-Band ‘L’Iris Blanc’.
Und in Deutschland? Nichts!
Das könnte am Titel liegen, der nach Trivialem riecht, nach verstaubten 1950er Jahren, dem jede Sinnlichkeit fehlt. Es mag auch daran liegen, dass die den poetischen Ton wunderbar aufgreifende deutsche Übersetzung von Thomas Brovot erst knapp zwei Jahre nach dem französischen Original im April 2025 erscheinen durfte – zu einem Zeitpunkt, an dem das Interesse an der Auszeichnung, zumal in Deutschland, längst erloschen war. Oder daran, dass Luchterhand, der sich gerne als „Literaturverlag” profiliert, alles dafür getan hat, dieses wunderbar poetische und feministische Buch als trivial erscheinen zu lassen. Der Titel, die billig wirkende Umschlaggestaltung bis hin zum fehlenden Lesebändchen — muss man daran wirklich sparen? Da könnte sich der Verlag und der gesamte Buchmarkt mit einer solchen Steilvorlage aus Frankreich schmücken, doch man versucht erst gar nicht, ins Tor zu treffen.
Es geht weiter beim Buchhandel, der sich vielleicht vom Verlag irritieren ließ oder sich keine eigene Meinung mehr erlaubt. Was genau, liebe Buchhändlerin, lieber Buchhändler, ist falsch an diesem Buch, dass ihr es euren Kunden nicht zu Tausenden empfohlen habt? Der deutsche Buchmarkt pflegt seine Kanonheiligen mit Hingabe. Bestimmte Namen werden Jahr für Jahr empfohlen — aus Gewohnheit, aus Prestige, aus Unsicherheit oder aus Prinzip. Und die Literaturkritik? Von Ignoranz bis Überheblichkeit.
Jean-Baptiste Andrea beherrscht die Kunst des scheinbar Mühelosen – und wird dafür mit Nichtachtung bestraft. Dabei ist gerade diese Leichtigkeit ein Können, das selten ist: eine komplexe Geschichte über fast Jahrhundert so erzählen, dass man nicht merkt, wie kunstvoll sie konstruiert ist. Das ist Handwerk auf höchstem Niveau. Vielleicht ist Jean-Baptiste Andrea zu gut erzählt, um in Deutschland ernst genommen zu werden.

